Style Check

Die Fashion-Revivals des Jahres

Welche Hose aus den Sechzigern Bloggerin Nike van Dinther in die Knie zwingt, wie man alte neue Trends überhaupt dieses Jahr trägt und was das auch mit Politik zu tun hat, verrät sie uns im Interview.
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© This Is Jane Wayne 

Über welche Trend-Renaissance der letzten Saisons hast du dich besonders gefreut?

Ich bin ein Kind der späten 90er und 00er Jahre, die Rückkehr von Spaghetti-Trägern hat mich in großes Staunen versetzt. Nun ist es ja glücklicherweise stets so, dass all die aufgewärmten Trends meist nicht eins zu eins übernommen, sondern neu interpretiert werden: Die schmalen Riemchen werden heute also geschichtet wie ein bunter Auflauf. In Kombination mit adretten Stehkragen und gigantischen Ohrringen gefallen sie mir am besten. Ach ja, und: Babouches! Die wecken in mir die Sehnsucht nach Reisen, die ich längst hätte antreten sollen.

Welche Teile feiern bei dir gerade ein Comeback?

Bisher hätte ich Audrey Hepburn oder Twiggy niemals zu meinen Stilvorbildern gezählt, allerdings zwingt mich das Revival von schmalen, hochgeschnitten Stoffhosen in sämtlichen schwarzweißen Karomuster-Variationen gerade langsam in die Knie. Dazu breitschultrige Blazer und Statement-Ohr-Clips in Pop-Farben wie Orange oder Rot, natürlich aus Plastik. Oder all die dezenten Cowboyboots, die seit ein paar Saisons wieder Einzug in unseren Alltag halten – die Liste ist wirklich lang, das ist ja das Gemeine.

In den 70ern schenkte uns Diane von Fürstenberg das Wickelkleid. Was ist deiner Meinung nach der mutigste Weg, das Kleid heute zu tragen?

Ich bin mir nie sicher, ob man im Zusammenspiel mit Mode tatsächlich das Adjektiv „mutig“ verwenden sollte, denn das würde ja implizieren, dass wir Kritik von außen fürchten. Dabei sollten wir uns im besten Fall vor allem selbst gefallen. Anziehend statt stilistisch ausgefeilt wirkt so ein Kleid auf mich dann, wenn die Trägerin auf Klimbim verzichtet und es stattdessen von der eigenen Persönlichkeit überstrahlen lässt: wenig bis kein Schmuck, offenes Haar, eine Tasche aus Bast. Vielleicht sogar kein BH – natürliche, weibliche Formen sollten mehr geschätzt werden.

Chiara Capitani /© Christian Vierig/Getty Images
Chiara Capitani /© Christian Vierig/Getty Images 
Anziehend wirkt das Wickelkleid dann, wenn die Trägerin auf Klimbim verzichtet und es stattdessen von der eigenen Persönlichkeit überstrahlen lässt

Die britische Modedesignerin Katherine Hamnett hat bereits in den 80ern mit ihren Slogan-Shirts Statements wie „Education Not Missiles“ oder „Stop and Think“ gesetzt. Viele machen es ihr heute nach. Warum ist der Feminismus gerade wieder so präsent in der Modewelt?

Ich selbst bin dem „Fame-inismus“ und den damit verbundenen Konsequenzen wie etwa Slogan-Shirts auf den Pariser Runways positiv eingestellt, weil ich es zunächst einmal begrüßen muss, dass hierdurch eine weitere Zielgruppe auf ein Thema aufmerksam gemacht wird, mit dem sie zuvor nie Berührungspunkte hatte. Und in Zeiten wie der unseren darf Mode nicht nur politisch sein, sie muss sogar. Meinung und Zusammenhalt ist unsere wichtigste Währung, wenn wir nicht Gefahr laufen wollen, aufgrund der weltpolitischen Lage zurück in die 50er Jahre katapultiert zu werden.

Genauso prägend in den 80ern: das Power Dressing. Mittlerweile darf’s gern weniger vorgeschrieben sein: Was macht für dich den modernen Power Look aus?

Ein moderner Power Look ist einer, der Selbstbewusstsein ausstrahlt. Und das Freisein von Gender-gebundenen Erwartungen. Das kann schon durch ein weites Flanellhemd, einen Oversize-Blazer oder Boyfriend-Jeans passieren.

Auch der Hoodie aus den 90ern ist zurück: Wie stylt man ihn und was geht gar nicht?

Wer anfängt, Kapuzenpulli zu tragen, bloß weil das Modediktat es vorgibt, wird sich niemals wohl fühlen und weniger Lässigkeit ausstrahlen. Ich zum Beispiel würde einen Hoodie zu auffälligen Ohrringen und zu edlem oder verrücktem Schuhwerk kombinieren. Die italienische Moderedakteurin Gilda Ambrosio trägt zum Hoodie ein rosafarbenes Samtkleid und sieht in der Kombi großartig aus.

Wie würdest du Tracksuits stylen, um zu überraschen statt zu schockieren?

Am besten löst man sich beim Anziehen eines Tracksuits von allen gängigen Trainingsanzug-Assoziationen und stylt Hose und Oberteil ganz so, als handle es sich um zwei simple Stücke aus dem Kleiderschrank. Entweder man motzt beides mit verspielten Accessoires, Blusen oder Schuhen auf oder aber man bleibt der schlichten Linie treu und setzt auf weiße Sneaker und hochwertige Basics dazu. Mir hilft stets ein kleiner Materialmix, der dem Ganzen Wertigkeit gibt. Auch Broschen und kleine farbige Halstücher, ebenso wie nicht allzu kleine Handtaschen, rotoranger Lippenstift oder lange Perlenohrringe.

Gilda Ambrosio / © Melodie Jeng/Getty Images
Gilda Ambrosio / © Melodie Jeng/Getty Images 
Patricia Manfield /© Christian Vierig/Getty Images
Patricia Manfield /© Christian Vierig/Getty Images 

Mit Miedergürteln und Bustiers wird das Darunter aktuell wieder darüber getragen: Ist das nur eine Laune von Street-Style-Mädchen oder ein ernstzunehmender Trend?

Wir haben es hier spätestens seit Dries Van Noten mit einem ernstzunehmenden Trend zu tun, allerdings weiß ich nicht, inwiefern sich das auf den Straßen durchsetzen wird. Das modische Rotlicht-Milieu hat sich allerdings längst anderweitig etabliert, man denke nur an Netzstrümpfe, weiße Stiefel oder Mäntel und Hosen aus Lack oder Vinyl. Hochnäsige Snobs kleiden sich inzwischen also wie der vermeintliche „Pöbel“ und andersherum, 16-Jährige finden den verruchten Look ebenso schick wie Mittfünfziger. Das mag unsere Gesellschaft auf dem Papier vielleicht freier machen und toleranter, auf der anderen Seite steht aber die Frage, wie weit die Mode überhaupt gehen darf. Wann beispielsweise ist die Grenze des Respekts überschritten und wann ist Ironie unbedingt vonnöten, um Vorurteile zu überwinden? Ich habe keine Antwort darauf und bleibe da bei Shakespeare: Wie es euch gefällt.

Und wie brichst du Stil-Stereotypen?

Schon bevor ich in den Kleiderschrank greife – nämlich im Kopf.

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