Fashion Flashback

Diane Keaton und der Geek Chic

Dass Diane Keaton den Nerd-Look auf die Kino-Leinwände brachte, ist 40 Jahre her. Warum Intellektualität in der Mode jetzt erst recht gefragt ist.
Diane Keaton in „Annie Hall”, 1977 / © United Artists/Getty Images
Diane Keaton in „Annie Hall”, 1977 / © United Artists/Getty Images 
Tavi Gevinson, 2016 / © Robin Marchant/Getty Images
Tavi Gevinson, 2016 / © Robin Marchant/Getty Images 

Eine schwarze, dicke Brille, ein hochgeschlossenes Hemd, dazu Hosen, deren Bund mindestens bis zum Bauchnabel reicht, und on top Hosenträger sowie Prints, die mehr clashen, als sie konsistent sind: Was die einen despektierlich als Streber-Look abtun, ist für die Trägerin mehr intellektuelles Statement als ein Zitat aus „Stiller“. Denn die Nerds waren höchstens in den High-School-Filmen aus den Neunzigern die Außenseiter.

Heute, wo in der Mode spießig das neue Cool ist, hat die Geek-Garderobe mehr Reiz denn je. Egal, ob man sich dabei als Stilvorlage bei Diane Keaton als „Annie Hall“ bedient, bei „Style Rookie“ Tavi Gevinson, bei Miranda July, deren Filme und Bücher so schön schrullig sind wie ihr Stil, oder aber bei Jenna Lyons von J. Crew, die mit ihrer schwarzen Brille zeigt, wer den Durchblick hat: Seit Paul Smith 2011 und Guccis Frühjahr/Sommerkollektion 2016 hat der Geek Chic zuletzt offiziell Street Credibility.

In den Siebzigern: androgyn wie Diane Keaton

Lange bevor die Phrase „Geek Chic” im Oxford English Dictionary auftauchte, hatte der Look bereits eine Ikone – Diane Keaton alias „Annie Hall“. Wie sie in der gleichnamigen Komödie von Woody Allen in weiter Bundfaltenhose, weißem Hemd mit Giga-Kragen, schwarzer Weste und darunter einer breiten Krawatte, die fast ihren ganzen Bauch bedeckte, auf einer Terrasse in Manhattan Wein trinkt, hatte etwas herrlich und gleichzeitig ungewohnt Gender-sprengendes.

Das Modevorbild „Annie Hall“ war geboren. Die Mutter: Niemand anderes als Diane Keaton selbst, weil sie für ihre Rolle einen Großteil ihrer eigenen Klamotten zur Verfügung stellte und damit in die Modegeschichte einging – was in Anbetracht der allgegenwärtigen Hippie Mode mit Plateauschuhen und schillernden Pailletten-Kleidern vielleicht die wahre Fashion Revolution der Siebziger war.

Und so ist Diane Keaton heute noch Ikone eines maskulinen Geek Chics. Coco Chanel hätte es gefallen. Den Achtzigern und Neunzigern, wo mehr Bling als BA-Abschluss zählten, nicht so sehr. Doch das war gestern.

2017: Nouveau Nerd wie Tavi Gevinson

40 Jahre nach „Annie Hall“ hat Diane Keaton eine würdige Nachfolgerin (von vielen) gefunden. Bloggerin Tavi Gevinson, die den Nerd Chic so salopp verkörpert, als handelt es sich bei ihren Outfits um Pyjamas. Stilvorbilder wie Tavi scheuen sich nämlich nicht die Spur, mit ihren dicken Brillengläsern, den Loafers und Schluppenblusen nach einem Abschluss Magna Cum Laude auszusehen; im Gegenteil.

Wie dieser smarte Look im mir, nichts dir nichts nachzustylen ist? Ganz einfach: Erstens kombinieren, was nicht zwingend zusammengehört. Zweitens, sich dabei ruhig mal von der Garderobe der Eltern und Großeltern inspirieren lassen. Übergroße Cardigans und Hemd vom Freund tun es aber auch schon. Ein perfekt geschnittenes weißes Hemd mit akkurater Knopfleiste und hohem Kragen, wie es Tavi Gevinson trägt, ist sowieso immer eine gute Investition. Und eine schräges Hornbrillen-Gestell sowieso – zumindest für die mit Sehschwäche, sonst wird es schnell albern.

Klingt jetzt erstmal maximal maskulin? Mitnichten! Man muss sich nur mal eingangs erwähntes Gucci-Beispiel zu Gemüte führen. Denn wie Alessandro Michele gezeigt hat, versprechen feine Schluppenblusen und wadenlange Faltenröcke eine große Portion Retro-Glamour und subtile Verführung für Fortgeschrittene. Dazu noch Accessoires wie Kniestrümpfe und Schmuck – und die Straße wird zum Auditorium.

Die Looks mit Smart-Effekt