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Dit is Berlin!

Die Berlin Fashion Week feiert ihr 10. Jubiläum. Und unsere Autorin? Blickt auf den Stil der Stadt zurück und erzählt, warum eigene Stil-Fehltritte eigentlich was Gutes sind
© Christian Vierig/Getty Images
© Christian Vierig/Getty Images 

Meine erste Fashion Show war 2009. Es war das Debüt der deutschen Designerin Dorothee Schumacher. Ganz nervös nahm ich in der vierten Reihe Platz, fühlte mich aber trotzdem wie in der Front Row. Die Minuten vor Beginn glichen einem Ameisenhaufen, in dem alle ganz hektisch umherschwirrten: Mit Klemmbrett und Headphone ausstaffierte IMG-Mitarbeiter begleiteten die Promis zu ihren Plätzen in der ersten Reihe, das Fashion-Volk küsste sich zur Begrüßung und poste selbstzufrieden für die Paparazzi, bevor die Goodie Bags ausgecheckt wurden. Dann befreite man auch schon den Laufsteg von einer gewaltigen Plastikplane und das Licht ging aus. Stille. Dann Musik. Die Show begann. Für ein Mädel vom Land wie mich war das eine ganz große Sache.

In diesem Jahr feiert die BFW ihr 10. Jubiläum und mit jedem Jahr hat das Event seine eigene Identität geformt. Auch in puncto Street Style. Heute scheint die Straße fast mehr Begeisterung auszulösen als der tatsächliche Laufsteg.
Aber was macht den Berliner Stil eigentlich so einzigartig? Er ist auf jeden Fall nicht so posh wie in Paris, oder so super minimal wie in Kopenhagen – in Berlin triffst du Leute mit einem ganz speziellen Geschmack. Wir bedienen uns gern von anderen und machen daraus unser eigenes Ding.

Berlin ist so vielfältig wie seine Bezirke. Die Mitte-Kids etwa sind längst erwachsen geworden, dem Streetwear Style der Neunziger sind sie jedoch treu geblieben. In Prenzlauer Berg haben Debatten über den nächsten freien Kita-Platz Modefragen längst verdrängt. In Kreuzberg und Neukölln folgt der Style dem Beat der Straße – rough, viel Schwarz und Weiß, abgemischt mit 90s Denim und Sneakers: Nike Air Max 97, adidas NMD, Vans Oldskool. Die gehören in Berlin sowieso zum guten Ton.

Ein Detail, womit Berliner ihr Outfit jedoch noch lieber garnieren, ist die „Is mir egal”-Attitüde. Sonntagmorgen in Jogginghose und Adiletten zum Späti? Klaro! Socken in Sandalen tragen? Immer! 90er Jahre Streetwear mit 70s Glam vereinen? Warum nicht! Je markanter und eigener der Look, umso besser.

© Christian Vierig/Getty Images
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Sonntagmorgen in Jogginghose und Adiletten zum Späti? Klaro! Socken in Sandalen tragen? Immer! 90er Jahre Streetwear mit 70s Glam vereinen? Warum nicht!

Eine, die das modische Image von Berlin über dessen Grenzen hinaus verbreitet, ist „Hey Woman”-Mitgründerin und Wahlberlinerin Veronika Heilbrunner. Sie war die Erste, die Converse Sneaker zum Abendkleid trug. Und auch sonst experimentiert sie gerne: den schicken Faltenrock zu Logosweater und Cowboystiefeln oder das Musterhemd zum Samtanzug – bei ihr sieht alles unangestrengt und cool aus.
Kein Wunder also, dass gerade zur Fashion Week die Outfits umso wichtiger werden, da hinter jeder Ecke die Fotografen lauern. Man weiß ja nie, ob man nicht im nächsten Moment vor die Linse gerät und eventuell irgendwo auf einer Best- oder gar Worst-Dressed-Liste auftaucht.

Auf letzterer wäre ich 2010 wahrscheinlich auch gelandet. Mein damaliger Look war alles andere als fototauglich: Ich trug hellblaue Skinny Jeans, rosa Schnür-Booties und so ein eigenartig schimmerndes Lamé-Shirt, das irgendwie an das 1-Euro-Geschenkpapier zu Weihnachten erinnerte. Damals dachte ich natürlich, mein Outfit sei on fleek. Heute weiß ich: war es nicht. Aber das ist auch das Großartige an Berlin. Du kannst auf die Zurückspulen-Taste klicken und es einfach nochmal probieren und besser machen. Heute fühlst du dich nach Lackhose und Netzshirt (eine Kombi, die eigentlich ins Berghain gehört) fürs Flohmarkt-Date am Maybachufer und morgen geht’s in Vintage-Kleid, Basecap und Dr. Martens nach Mitte zum Zimtschnecken-Essen ins Zeit für Brot, um später in Bundfaltenhose, Slipdress überm T-Shirt und Mules bei der nächsten Rooftop-Party für Aufsehen zu sorgen. Denn egal, wofür man sich entscheidet, das Finish bleibt dasselbe: Was andere denken, ist egal. Denn dit is Berlin.